

7.000 Eichen für Kassel
„Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“: Dem Künstler Joseph Beuys verdankt die Stadt ein weltweit einmaliges organisches Kunstwerk
Ohne dieses Kunstwerk wäre Kassel heute eine andere Stadt. Als Joseph Beuys gebeten wurde, ein Werk zur 1982 stattfindenden documenta 7 beizusteuern, wollte er keine Kunst in musealen Mauern präsentieren. Er wollte in den Lebensraum der Menschen eingreifen und ihre urbane Lebensqualität verbessern. „7.000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ nannte er das ambitionierte Projekt. Und in das Leben der Kasseler Menschen griff er tatsächlich ein, wenn auch zunächst anders als erwartet: Auf dem zentralen Friedrichsplatz türmte er 7.000 monumentale Basaltsteine auf. Erst wenn ein Baum gepflanzt wurde, wurde auch ein Stein abgetragen und neben den Baum gesetzt.
Kein leichter Start
„Der Widerstand war manifest und ruppig“, erinnert sich Volker Schäfer, ehemaliger Kulturdezernent und stellvertretender Vorsitzender der Stiftung 7.000 Eichen, die das Erbe von Beuys in Kassel pflegt. Fünf Jahre dauerte es, bis alle Bäume – übrigens großteils, aber nicht ausschließlich Eichen – gepflanzt waren. Der erste und der letzte Baum wachsen symbolträchtig direkt vor dem Museum Fridericianum. Doch mit der letzten Pflanzung war das Werk nicht abgeschlossen. Im Gegenteil: Es begann erst, sich zu entfalten. Die Eichen wachsen langsam, können bis zu 800 Jahre alt werden. Für Schäfer ist die Skulptur ein „unglaubliches Geschenk“, das zugleich eine Verpflichtung sei: „Die Stadt verändert sich, und das Werk verändert sich mit ihr. Es bleibt ein niemals endender Denkanstoß – über Kunst, Umwelt und das Verhältnis des Menschen zur Natur.“ Und gerade in diesem letzten Aspekt ist es heute aktueller denn je: In Zeiten von Klimawandel und der wichtigen Rolle der Stadtbegrünung zur Klimaanpassung gilt Kassel mit seinen 7.000 Eichen mittlerweile vielen Städten als Vorbild. Auch die anfängliche Skepsis der Kasseler Bürgerinnen und Bürger hat sich gewandelt.
Kassel 1986: Blick auf die Bodelschwinghstraße vor der Pflanzaktion: kein Baum weit und breit. Fast 40 Jahre später zeigt sich beeindruckend, wie das Kunstwerk die Stadt verändert
Kein anderes Kunstwerk hat Kassel so verändert
Heute, fast 45 Jahre nach dem aufsehenerregenden Start bei der documenta 7, sind die Bäume willkommene Schattenspender, lebende Kunstobjekte, grüne Schönheiten in einst grauen Straßenzügen. Zusammen mit ihren Basaltsteinen sind sie zum unverwechselbaren Erkennungszeichen im Kasseler Stadtbild geworden. 1987 ging das Kunstwerk als Schenkung an die Stadt Kassel über.
Seit 2005 stehen die „7.000 Eichen“ als Kultur- und Gartendenkmal unter Denkmalschutz. Die Stadt Kassel und die Stiftung 7.000 Eichen kümmern sich um die Pflege und den Erhalt dieses organisch wachsenden Kunstwerks. Für Volker Schäfer greift es allerdings zu kurz, Beuys’ Skulptur nur auf die „segensreiche Begrünung“ zu reduzieren. Vielmehr stünden die Eichen, deren Lebensalter das des Menschen deutlich überschreite, auch für Verantwortung und die großen Fragen: Wie geht die Spezies Mensch mit sich selbst um? Wie gestalten wir unser Leben und die Welt? Was lässt sich zum Besseren verändern?
Unterwegs in der Kunststadt Kassel
Die Wartezeit bis zur documenta 16 lässt sich hier kunstvoll verbringen
Nicht nur Beuys’ Eichen – auch viele andere documenta-Kunstwerke bereichern Kassels Stadtbild bis heute. Über 20 bedeutende Kunstwerke lassen sich besichtigen, viele davon weltberühmt, manche skandalumwittert, alle auf ihre eigene Weise sehenswert. Zu den bekanntesten zählt der Himmelsstürmer vor dem Hauptbahnhof, der vielen als heimliches Wahrzeichen der Stadt gilt. Für alle Kunstinteressierten oder die, die es werden wollen, hat die Stadt Kassel drei Rundgänge konzipiert, die zu verschiedenen Kunstwerken führen. Der Parcours „Friedrichsplatz“ ist perfekt für zwischendurch: Auf 600 Metern kannst Du fünf documenta-Kunstwerke entdecken. Der Parcours „Staatspark Karlsaue“ entführt Dich in den weitläufigen Landschaftspark mit seinen Skulpturen. Und der Parcours „Stadtraum“ streift auf knapp sechs Kilometern Länge sieben Kunstwerke im Stadtgebiet. Audioguides beschreiben die Arbeiten und teilen Hintergründe zu Künstlern und zur Entstehungsgeschichte. Infos zur documenta und den Audio-Rundgängen unter kassel.de








